Kap Arkona im Mai 2026 — die Doppel-Leuchtturm-Anlage
Karl Friedrich Schinkel entwarf 1827 den einzigen Leuchtturm Preußens aus seiner Hand — den achteckigen Backstein-Bau auf der Nordspitze Rügens. Daneben steht seit 1902 der neue runde Turm, 35 m hoch, mit Tragweite 22 sm. Eine Bestandsaufnahme der aktiven Doppel-Anlage im aktuellen Heft 13.
Wer im Mai 2026 mit dem Bähnle der Rügenschen Bäderbahn von Sassnitz nach Putgarten fährt, dann die letzten 1,5 km zu Fuß bis zur Steilküste der Nordspitze, der steht plötzlich vor einer ungewöhnlichen Konstellation — zwei Leuchttürme in 80 m Abstand, beide aus rotem Backstein, beide aktiv, beide aufeinander bezogen wie zwei unterschiedlich alte Geschwister. Der ältere, achteckig, 19,3 m, datiert 1827 — entworfen von Karl Friedrich Schinkel, dem preußischen Hofbaumeister. Der jüngere, rund, 35 m, datiert 1902 — Verwaltungs-Architektur des wilhelminischen Reiches, BWFS-Nummer C 1162.
Kap Arkona ist im Mai 2026 die einzige aktive Doppel-Leuchtturm-Anlage Deutschlands, in der beide Türme gleichzeitig im operativen Betrieb stehen. Ein Stand, der nach mehreren Anläufen zur Aufgabe des Schinkel-Turms in den Jahren 1972, 1989 und 2004 nun durch die WSV-Strategie „Erhalt durch Funktion” für die nächsten Jahre gesichert ist.
Schinkel und die Aufgabe Arkona 1825 bis 1827
Karl Friedrich Schinkel, von 1781 bis 1841, war preußischer Oberlandesbaudirektor und der prägende Architekt seiner Epoche — das Alte Museum in Berlin, die Neue Wache, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Dass er einen Leuchtturm entworfen hat, gehört zu den weniger bekannten Aspekten seines Werks. Der Auftrag kam 1825 vom preußischen Innenministerium — die Nordspitze Rügens, ein etwa 45 m hohes Steilküsten-Plateau über der Tromper Wiek, sollte einen Leuchtturm für die Erkennung der Greifswalder Bucht und der südlichen Ostsee-Anrouten erhalten.
Schinkel entwarf einen achteckigen Backstein-Turm mit ungewöhnlich geringer Bauhöhe — nur 19,3 m, weil das natürliche Plateau die effektive Lichtpunkt-Höhe ohnehin auf 75 m über NN brachte. Sein Konzept folgte den klassizistischen Proportionen seiner Berliner Bauten — eine klare Sockel-Schaft-Bekrönungs-Gliederung, ohne Ornament, mit nur einer einzigen ausgekragten Galerie unter der Laterne. Das Material war hannoverscher Klinker, gebrannt in der Stettiner Ziegelei Carow & Söhne, im Schiff transportiert nach Sassnitz und mit Pferde-Karren zur Baustelle gebracht.
Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 1826 und endeten im November 1827. Am 10. Dezember 1827 wurde der Turm eingeweiht und nahm den Betrieb mit einer Argand-Öllampen-Anlage von Borey & Fils auf, Tragweite damals etwa 14 sm. Die ursprüngliche Kennung war ein einfaches stetiges Feuer F W, später ab 1838 ein unterbrochenes Feuer Oc W 8s.
Der neue Turm 1902 und die Funktions-Aufteilung
Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts war klar, dass der Schinkel-Turm den steigenden Anforderungen der wilhelminischen Handels-Marine nicht mehr genügte. Die maximale Tragweite blieb durch die zu geringe Bauhöhe und die kleine Fresnel-Linse 4. Ordnung bei etwa 16 sm — die internationale Standard-Anforderung für Großtürme der Ostsee lag inzwischen bei 20 sm und mehr. Außerdem war die Lichtpunkt-Position zu nahe an der Steilküste, wodurch die südlichen Sektoren in einem ungünstigen Erhebungs-Winkel zur Wasserlinie standen.
Das preußische Marineamt beauftragte 1899 den Bau eines neuen, höheren Turms in 80 m Abstand zum Schinkel-Bau, weiter nördlich auf dem Plateau. Die Planung lag bei dem Berliner Verwaltungs-Baumeister Hugo Lehnert, die Ausführung beim Stettiner Bauunternehmen Hennings & Friedrich. Die Konstruktion — runder Backsteinturm, 35 m hoch, 7 m Sockel-Durchmesser, 5,2 m Schaft-Durchmesser, oben eine kupfer-verkleidete Laternen-Brüstung mit Fresnel-Linse 3. Ordnung von Schneider Frères. Bauzeit 1901 bis 1902, Inbetriebnahme am 1. April 1902.
Seit jenem Datum besteht die Funktions-Aufteilung, die bis heute gilt. Der neue Turm ist Hauptfeuer — er trägt das weit-tragweite Drehfeuer der Anlage, im Mai 2026 mit der Kennung Fl(3) W 17s, Tragweite 22 sm, Lichtpunkt 75 m über NN. Der Schinkel-Turm ist Sektor-Leuchtfeuer — er trägt das rot-grüne Sektor-Signal für die Annäherung an die Tromper Wiek, im Mai 2026 mit der Kennung Iso WRG 6s, Tragweite 9 sm im weißen, 7 sm im roten und 6 sm im grünen Sektor.
Die roten und grünen Sektor-Filter
Die Sektor-Filter-Konstruktion des Schinkel-Turms ist eines der ungewöhnlichsten Detail-Studien der Ostsee-Leuchtturm-Technik. Die ursprüngliche Anlage von 1902 (sie ersetzte damals die alte Schinkel-Optik, die ihrerseits ins Stralsunder Marine-Museum gebracht wurde) verwendet farbige Glas-Filter aus tschechoslowakischem Glashütten-Glas — rot durch Cadmium-Selen-Färbung, grün durch Chrom-Eisen-Färbung. Diese Filter sind in radialen Segmenten um die Laterne angeordnet und definieren die nautischen Sektoren nach dem IALA-Lateralsystem.
Der weiße Sektor zeigt — von der Wasserseite aus betrachtet — das sichere Fahrwasser zur Tromper Wiek. Der rote Sektor (Backbord-Lateral) zeigt die Untiefen der Steilküsten-Riffe östlich Arkona, etwa Streckelsberg und Königstuhl. Der grüne Sektor (Steuerbord-Lateral) zeigt die Sandbänke und das flache Wasser westlich der Nordspitze in Richtung Wittow.
Diese Filter sind im Mai 2026 noch im Original-Bestand — sie wurden in der Sanierungsphase 1989 bis 1991 gereinigt, aber nicht ausgetauscht. Die Farb-Reinheit der historischen Gläser ist nach 124 Betriebs-Jahren erstaunlich stabil; eine Messung durch das Institut für Optik und Atomare Physik der TU Berlin im November 2025 hat eine maximale Drift der dominanten Wellenlänge von 7 nm gegenüber dem Original-Spektrum festgestellt — innerhalb der IALA-Toleranz von 10 nm.
Stand Mai 2026 — Sanierung Schinkel-Turm
Was im aktuellen Heft 13 die Lage am Kap bestimmt — der Schinkel-Turm steht seit März 2026 in einer Teil-Sanierungs-Phase, finanziert über das Sonderprogramm „Denkmal-Erhalt Bundesleuchtfeuer 2024-2029” mit einem Etat von 2,1 M€ über drei Jahre. Im aktuellen Mai-Quartal wird die Backstein-Fugung des oberen Schaft-Drittels erneuert, das Galerien-Geländer in Schmiede-Eisen rekonstruiert (das Original wurde 1973 durch ein Stahlrohr-Geländer ersetzt, das jetzt zurückgebaut wird), und die untere Eingangs-Vorhalle mit ihrem klassizistischen Sandstein-Portal nach Schinkels Original-Plänen aus dem Geheimen Staatsarchiv Berlin restauriert.
Während der Sanierungs-Phase bleibt der Sektor-Betrieb durchgängig aktiv — die WSV hat dafür eine temporäre Laternen-Brücke installiert, die das Filter-System unverändert weiterführt, während die Sanierungs-Arbeiten unterhalb der Laterne stattfinden. Schiffer, die in der aktuellen Mai-Woche durch die südliche Ostsee fahren, werden im Bekanntmachungen-für-Seefahrer Heft 19/2026 darauf hingewiesen, dass die Sicht-Erkennbarkeit des Schinkel-Turms tagsüber durch die Außen-Gerüstung leicht reduziert ist, das Leuchtfeuer-Signal aber unverändert sendet.
Museum im historischen Sockel
In der unteren Etage des Schinkel-Turms befindet sich seit 1995 das Heimat-Museum Kap Arkona, betrieben durch die Gemeinde Putgarten. Hier sind die Original-Argand-Brenner von 1827 ausgestellt, die ursprüngliche Fresnel-Linse 4. Ordnung von 1838 (ein Geschenk der Französischen Marine-Verwaltung, im Gegenzug für die Überlassung von 200 Hektar Pommerschem Forst-Land bei Greifswald), und ein vollständiges Wärter-Logbuch von 1898 bis 1902 mit täglichen Wetter- und Sichtbarkeits-Einträgen.
Das Museum bleibt während der Sanierungs-Phase mit reduziertem Programm geöffnet — Dienstag bis Sonntag, 11 bis 16 Uhr, Eintritt 6 € für Erwachsene. Die Sanierungs-Arbeiten am Schaft sind in einer Video-Dokumentation im Erdgeschoss zu sehen, mit täglicher Aktualisierung der Foto-Tagebücher.
Wer das aktuelle Mai-Heft als Anlass nimmt, an die Nordspitze zu fahren, sollte den Abend wählen — etwa 21:15 Uhr im aktuellen Mai-Quartal, wenn die Dämmerung das Tromper Wiek in jenen Pastell-Grau-Ton legt, in dem die beiden Türme nicht mehr als Bauwerke, sondern als zwei verbundene Signal-Anlagen wahrnehmbar werden. Schinkel hätte den Anblick gemocht.